Elisabeth Herrera Asencio

Ich saß selbst einmal als die Fremde am Tisch. Heute sitze ich auf der anderen Seite.

Ich erinnere mich noch genau an mein erstes Paar als Beraterin. Sie kamen ein halbes Jahr lang, regelmäßig, und ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich das Richtige tat.

Ein halbes Jahr später habe ich die beiden zufällig auf der Straße gesehen. Sie hielten Händchen. Sie haben mich gar nicht bemerkt, und das war auch nicht nötig. Zwei Menschen, die wieder zueinander gefunden hatten. In dem Moment wusste ich: Das will ich machen.

Elisabeth Herrera Asencio, Gründerin von Happy Couples, Paarberaterin in Wien

Aufgewachsen bin ich im Waldviertel, in einem Leben, das irgendwie vorgeplant schien. Haus am Land, Familie, Hund. Irgendwann wurde mir das zu eng. Ich bewarb mich für ein Auslandsstipendium. Meine Noten für Großbritannien waren zu schlecht, also landete ich in Galicien, fast ohne Spanischkenntnisse und ohne Wohnung. Die Anmeldeseite für den Spanischkurs war nur auf Galizisch. Es war pures Überleben. Und der Beginn von allem.

Ich war 15 Jahre Lehrerin. In Österreich, im Ausland, an der Vienna International School, an einer HTL für Maschinenbau, in der Erwachsenenbildung. Irgendwann wollte ich näher an den Menschen ran. Wirklich begleiten, nicht abfertigen. Also begann ich die Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin. Ich habe mehrmals überlegt, abzubrechen. Es schien unvernünftig.

Dann saß plötzlich ein Paar in meinem Beratungsraum.

Es war pures Überleben.
Und der Beginn von allem.

Was ich selbst erlebt habe

Ich habe selbst mehr als 17 Jahre eine interkulturelle Beziehung geführt. Wir haben alles aufgegeben. Land, Beruf, Heimat. Und das mehr als einmal. Ich weiß, wie es ist, in einem fremden Land ganz von vorne anzufangen. Ich kenne das Ungleichgewicht, das entsteht, wenn einer sich für alles verantwortlich fühlt und der andere gerne anders täte, es aber nicht kann, weil das System keinen Weg dafür vorsieht. Ich habe bürokratische Hürden genommen, die eigentlich unmöglich waren. Ich bin mit zwei Kindern zwischen Österreich und Spanien gependelt. Als die Wirtschaftskrise kam, haben wir noch einmal ganz von vorne begonnen.

Diese Beziehung hat nicht für immer gehalten. Viele nennen das Scheitern. Ich nicht. Sie hat 17 Jahre getragen. Dann haben sich unsere Lebensentwürfe verändert. Das ist etwas anderes.

Heute weiß ich auch, wie eine Trennung gehen kann, ohne dass das Gute dabei verloren geht. Wir wohnen nicht mehr zusammen und erziehen trotzdem weiter gemeinsam zwei interkulturelle Kinder. Ich habe so ziemlich jede Phase einer Beziehung selbst durchlebt. Das Verlieben, das Aufbauen, das Vertiefen, das Ringen, das Loslassen. Und das, was danach kommt. Trennung ist für mich kein Tabu mehr.

Was ich damals von einer Beraterin gebraucht hätte, war jemand, der die interkulturelle Brille aufhat. Der versteht, womit wir täglich kämpfen, und es genauso stehen lässt, ohne es lösen zu wollen. Der sagt: Das wird so bleiben. Wie wollt ihr damit umgehen? Den meisten Beraterinnen war unsere Realität schlicht nicht greifbar.

Meine Beziehung hat 17 Jahre getragen. Das nenne ich kein Scheitern.

– DER WENDEPUNKT

Heute bin ich die, die ich damals gebraucht hätte.

Wie ich arbeite

Ich arbeite differenzierungsbasiert, in der Tradition von David Schnarch. Ich stelle Fragen, die auch mal unangenehm sind, und ich spreche das aus, was alle im Raum denken und keiner auszusprechen wagt. Die wichtigste Frage stelle ich nicht euch beiden, sondern jedem einzeln. Sie lautet nicht „Was stimmt in eurer Beziehung nicht?“, sondern „Wie willst du eigentlich sein?“

Meine Beratung hat einen Rahmen. Ein klarer Anfang, ein gemeinsam vereinbarter Auftrag und ein Ende, das wir von vornherein im Blick haben. Das ist Absicht. Ich möchte nicht, dass ihr jahrelang bei mir sitzt. Ich möchte, dass ihr irgendwann wieder alleine könnt, was gerade nicht geht. Und wenn das Leben euch später noch einmal etwas vor die Füße wirft, bin ich da. Viele kommen nach Monaten oder Jahren für eine einzelne Sitzung zurück. Manche einfach, um die Beziehung zu pflegen, ganz ohne akutes Problem. Die Tür bleibt offen.

Wie willst du eigentlich sein?

Einmal saß eine Frau schluchzend vor mir. Ihr Mann wolle sich trennen, sagte sie, weil sie ein schlechter Mensch sei. Ich fragte:

„Bist du wirklich ein schlechter Mensch?“

Lange Pause. Dann: „Nein.“

Von diesem Moment an war echte Arbeit möglich. Manchmal reicht ein einziger Satz, um alles neu zu ordnen.

Was ich nicht bin

Ich bin keine Schiedsrichterin. Wer möchte, dass ich Position beziehe und jemandem Recht gebe, ist bei mir falsch.

Ich habe keine vorgefertigten Lösungen und keine Tipps, die man mal schnell umsetzt. Damit kommen nicht alle gut klar, und das ist okay. Die meisten Paare, die zu mir kommen, wollen ihre Beziehung weiterführen, und oft finden sie einen Weg. Manchmal zeigt sich aber auch, dass ein bewusster Abschied das Ehrlichere ist. Auch dann bleibe ich an eurer Seite. Eine Trennung erwachsen zu gestalten ist eine eigene Aufgabe, und niemand sollte sie alleine machen müssen.

Ob du alleine kommst oder ihr zu zweit, spielt dabei keine Rolle. Veränderung beginnt oft schon, wenn ein Mensch anfängt, anders hinzuschauen. Ich berate auf Deutsch, Englisch und Spanisch. Wir wechseln die Sprache, wann immer es gebraucht wird, und ich achte darauf, in welcher Sprache du oder ihr euch gerade wirklich ausdrücken könnt. Denn man kann nur dann offen sprechen, wenn man es in seiner eigenen Sprache tun darf.

Ich habe noch nie bereut, dass ich damals mit fast keinen Spanischkenntnissen in Galicien gelandet bin. Es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

We don’t have to pretend.

 

 


Mag. Elisabeth Herrera Asencio  ·  Dipl. Lebens- und Sozialberaterin  ·  Praxis in Wien

Man kann nur dann offen sprechen, wenn man es in seiner eigenen Sprache tun darf.